Die Mayrischs und die „Gesinnung von Colpach”

Seit dem Waffenstillstand von Compiègnes bemühen die Mayrischs sich die Wunden des Ersten Weltkriegs zu heilen: während Émile Arbeiter der Arbed und der Terres rouges-Gruppe (ehem. Gelsenkirchener Bergwerks- und Hütten AG) zum Wiederaufbau der zerstörten Regionen Nord-Ost Frankreichs bereit stellt, kümmert Aline sich in Düdelingen um traumatisierte Kinder aus dem Waisenheim Saint-Maur in Verdun.
Quelle : Bibliothèque nationale de Luxembourg

Im Juni 1922 wurde Aline Mayrisch (rechts, im Hintergrund) für ihre Verdienste um das Luxemburger Roten Kreuz während und nach dem Ersten Weltkrieg mit der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet.
Quelle : Archives nationales de Luxembourg

Der luxemburgische Industrielle Émile Mayrisch war nicht nur Generaldirektor der Aciéries Réunies de Burbach-Eich-Dudelange (Arbed), und somit einer der mächtigsten Stahlbarone Europas; er war auch ein Philanthrop [link avec Mayrisch fondateur de la Croix rouge: http://www.croix-rouge.lu/index.php?option=com_content&task=view&id=545] und Verfechter der Völkerverständigung, insbesondere der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Ersten Weltkrieg. Am 30. Mai 1926 gründete er das Deutsch-französische Studienkomitee mit Informations- und Dokumentationsbüros in Paris und in Berlin. Wenige Monate später, am 30. September, entstand die Internationale Rohstahlgemeinschaft an deren Ausarbeitung Mayrisch maßgeblich beteiligt war. Das wichtigste Ziel der damals unter Franzosen, Deutschen, Belgiern, Luxemburgern und Saarländern ausgehandelten Neuordnung der kontinentalen Eisenwirtschaft war die Überwindung der ökonomischen Bestimmungen des Versailler Vertrages, die sich insgesamt als überaus lähmend auf die Entwicklung der gesamten Schwerindustrie herausgestellt hatten.

Seine Gattin Aline Mayrisch-de Saint-Hubert war ihrerseits ebenfalls sozial und kulturell sehr engagiert: zeitlebens gründete und betreute sie zahlreiche Wohlfahrtseinrichtungen – angefangen bei der Einführung von Ferienkolonien für minderbemittelte Kinder bis hin zum Bau einer modernen Entbindungsanstalt und der Schaffung beratender und unterstützender Strukturen für krebskranke Patienten. Ihr Leben lang frönte sie auch ihrer Leidenschaft für die Literatur. Um französische Werke deutschsprachigem Publikum näher zu bringen, oder umgekehrt, schrieb sie Rezensionen oder beteiligte sich gar an der Übersetzung ganzer Bände.

Gemeinsam empfingen die Mayrischs auf seinem Landsitz in Colpach zahlreiche berühmte Persönlichkeiten aus der Kunstszene, der Wissenschaft, der Politik und der Wirtschaft. André Gide, Annette Kolb, Karl Jaspers, Jacques Rivière, Jean Schlumberger, Ernst Robert Curtius und Marie Delcourt gehörten genauso zu den Gästen der Mayrischs wie Richard Coudenhove-Kalergi oder Walter Rathenau. Sie alle verband der Wille die nationalistischen Ressentiments zu überwinden und Verständnis für den jeweils Anderen aufzubringen.

Seither steht der Name des Dörfchens in dem die Mayrischs ihr Zuhause hatten für das einvernehmlich Miteinander der Völker, insbesondere der Franzosen und Deutschen. Manche Autoren, wie der Journalist und Humanist Paul Desjardins, sprachen gar von einem „kleinen Stück des künftigen Europas“. Der „Kreis der Freunde von Colpach” bemüht sich heute diese weltoffene „Gesinnung von Colpach” zu würdigen und neu zu beleben.